Ein Reisebericht aus Marokko - Der Lehrer - Eine ganz besondere Begegnung

Dieser Bericht wurde von Sophie verfasst. Sie erzählt von ihren einzigartigen Erfahrungen aus Marokko. Weitere Reisegeschichten von ihr findet ihr auf SophiesWelt.

Schaut auf ihrem Youtube-Kanal vorbei und hinterlasst eine Nachricht. 



Eine spontane Entscheidung

5 Abbiegungen bis zum Hostel, einem eindrucksvoll umgebautem Riad, ein altes traditionelles marokkanisches Haus. Durch die Tür tretend bemerke ich 3 Gestalten, die sich über den Tisch mit einer großen Landkarte beugen: Zwei deutsche Studenten und ein Marokkaner, ein groß gebauter Kerl in seinen 50igern mit einem Käppi und einer schwarzen Lederjacke.

 

Wir vier stellen uns kurz vor und einige Minuten später treffe ich die beiden Deutschen Marius und Niklas auf dem Dach der Riad. Sie erzählen mir, dass Sie mit dem Marokkaner, Mustapha, eine Reise in sein Heimatsdorf geplant haben. Danach verbringen wir noch einige Stunden auf dem Dach über den sanft belichteten Gassen von Marrakech.

Am nächsten Morgen treffe ich Mustapha an einem alten PC im Hostel. Er stöbert durch Gebrauchtwägen und erklärt mir, dass er für ein kleines extra Gehalt neben seiner Lehrertätigkeit die Wägen kauft, repariert und wiederverkauft. Er fragt, ob ich Lust habe, in die Berge zu fahren und wir machen uns auf den Weg. Davor will Mustapha noch zum Affenmann. 

„Affenmann?“

Vor seinem Wagen redet er kurz mit einem Mann, der einen leicht bekleideten Affen auf seiner Schulter trägt. 

„Was habt ihr besprochen“?

„Ich will einen Affen für meinen Sohn kaufen, aber der Mann hängt zu sehr an seinem Affen“

 

„Steige niemals bei Fremden ein!“ Einen Satz, den jedes Kind kennt und achten sollte.

Ich schaue Mustapha an, und steige ein. Im Nachhinein kann ich immer noch nicht sagen, ob das eine richtige Entscheidung war.

Ich weiß nur, dass es eine meiner Besten im Leben war. 

 

Das Gebirge ist großartig. Wir steigen über Steine und Flüsse und schlendern durch die Berge. Mustapha besteht darauf, mich auf ein fantastisches Mittagessen einzuladen: natürlich gewürztes Ziegenfleisch und eine Gemüse Tajine. Es sollte die erste von vielen fantastischen Mahlzeiten sein, die wir uns noch teilten.

Geschichten aus Marokko

Nach unserer Tour in das Atlas Gebirge entscheide ich mich, mit Mustapha, Niklas und Marius mitzufahren. 

Die drei geben mir stets den Vorzug, im Beifahrersitz zu sitzen, wo ich ununterbrochen Mustapha mit Fragen über Marokko löchere. Unsere gemeinsame Zeit ist eine wundervolle Mischung aus Geschichten, Essen und Lachen. 

 

In seiner Heimatsstadt Safia angekommen, bietet uns Mustapha alles an, was er hat: er besorgt Essen, gießt süßen marokkanischen Tee, entzündet uns eine Shisha und holt eine Dose Haschisch aus seiner Tasche. Mustapha betont, dass das reines Haschisch ist, nicht das Pulver aus zermalmten Kakerlaken, dass man an jeder Straßenecke kaufen kann. Dankend lehnen wir ab und konzentrieren uns auf das Beste was er mit uns teilen kann: Seine Geschichten. 

 

Nachdem Niklas und Marius wieder nach Marrakech gefahren sind, um einer Sahara Tour zu folgen, fragt mich Mustapha ob ich Kamel probieren möchte. Im Dorf in der Nähe werden am Morgen ein paar geschlachtet. Aus Interesse sage ich zu und er meint, dass wir bei der Schlachtung zusehen könnten, wenn wir früh aufbrechen. 

Seine Worte dazu werden mir immer in Erinnerung bleiben: „Die Schlachtung ist schrecklich, das Kamel schreit und weint. Wie ein Mensch.“

 

Mit flauem Magen fahren wir um 5 Uhr los. In meinem Bauch regt sich eine Mischung aus Aufregung und leichtem Ekel. 

Ein kleiner Stein fällt mir von Herzen, als wir einige Minuten zu spät ankamen. Riesige rote Fleischklumpen, die meisten sicherlich schwerer als ich, hingen überall auf dem Markt verteilt. Das Besondere daran war: Es roch nicht wie auf den asiatischen Märkten, deren unangenehmen Geruch ich frisch in Erinnerung hatte. Es gab keinerlei Gestank. Nur der Geruch vom frischem Blut legte sich über den belebten Markt.

Mustapha besorgte etwas Fleisch und Höcker vom Kamel, das wir später zu einer Tajine verarbeiteten. Danach handelt er mit der Eier Dame um frische, noch an diesem Morgen gelegte Hühnereier. Ich verstehe kein arabisch aber schaue dem lebendigen Handel interessiert zu. Eine kleine Schar von sechs Leuten hat mittlerweile Mustapha und die Eier Dame umkreist. Im Gegenteil zu Asien, wo der Handel im Besten Fall verspielt, oft leicht wütend aber meistens gegenseitig fordernd ist, war es so, als ob Mustapha allen eine lustige Geschichte erzählt. Am Ende ging er lächelnd mit einer großen Tüte voller frischer Eier aus der heiteren Menge. Er hat sie zum Einkaufspreis der Eier Dame bekommen.

 

Schule im Friseursalon

Die folgenden Tage verbringen wir mit interessanten Gesprächen, in denen ich Mustapha meistens ausfrage. Einmal fährt er mich zu seiner Schülerin, deren Schwester mir kostenlos ein Henna auf die Haut malt, welches sich schmerzhaft in meinen Arm und mein Bein einbrennt. Ein anderes Mal besuchen wir eine andere Schülerin auf dem Land. Ihre Familie lebt sehr bescheiden und lädt uns trotzdem zu einem süßen Tee und Gebäck auf dem mit Decken gepolsterten Betonboden ein, der gleichzeitig ihr Schlafplatz und Wohnzimmer ist. Am nächsten Tag, besuchen wir eine seiner Klassen und Mustapha wandelt den normalen Unterricht (der in einem Friseursalon stattfindet, den sie Samstags für Englischunterricht benutzen dürfen) in eine Fragestunde für seine Schüler um. 

 

„Was denkst du von Marokko?“

„Was denkst du vom Islam?“

„Willst du zum Islam konvertieren? Warum nicht?“ 

„Was denkst du vom Krieg?“ 

Nach ein paar Gruppenfotos machen wir uns auf dem Heimweg und Mustapha stellt mich seinen Söhnen vor. „Die beiden tanzen sehr gerne! Der CD-Player funktioniert gerade nicht, sonst würden sie dir gerne etwas vortanzen“. Stattdessen fordern mich die beiden Jungs zu einem Wettrennen auf, das ich einfach dadurch gewinne, dass ich ein Stück größer bin und wesentlich längere Beine habe. Trotzdem spielgelt sich in den beiden kleinen Gesichtern nach dem Rennen eine gewisse Anerkennung.  

Gastfreundschaft und Warmherzigkeit

In meinen ersten Tagen in Marokko durfte ich dank Mustapha eine unglaubliche Seite des Landes kennenlernen, die von überragender Gastfreundschaft und Warmherzigkeit geprägt ist. Mustapha behandelte mich so gut wie seine eigene Tochter und bestand darauf, dass ich in seiner Obhut nichts ausgebe. Als ich in den Bus nach Casablanca stieg, gab er mir neben einer herzlichen Umarmung eine SIM Karte, auf der er mich meine restliche Zeit in Marokko kontaktierte und seine ganze Hilfe anbot. 

Ich konnte die nächsten 10 Tage in diesem wundervollen Land kaum erwarten. 

 

Bis heute stehen wir immer noch im Kontakt und ich schicke ab und zu kleine Geschenke oder eine Karte, und hoffe innständig, dass sie ankommen. 

 

Sein Name ist Mustapha aber in meiner Erinnerung nenne ich ihn stets „den Lehrer“. Den in den 4 Tagen, die wie 1 Monat erschienen, war er für mich wie ein väterlicher Onkel, und gutmütiger Freund und vor allem der Lehrer, mit der Weisheit der Warmherzigkeit.

 

Weitere Reisegeschichten findet ihr auf SophiesWelt 

Falls euch der Bericht gefallen hat, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr kurz bei meinem Kanal vorbeischaut und mir eine Nachricht hinterlasst J 

LG Sophie

Write a comment

Comments: 0